Ausreise mit Hindernissen

Die Darfur Regionen südlich von Khartoum sind No-Go-Areas für Touristen. Leider gelten aktuell auch die Nuba-Berge und der Dinder-Nationalpark laut dem Auswärtigen Amt als unsicher. Wir wollen kein unnötiges Risiko eingehen und zügig nach Äthiopien weiterreisen. Ausserdem steht Weihnachten und damit mein Geburtstag vor der Tür. Die Aussicht, das neue Lebensjahr gebührend mit einem kühlen Bier zu feiern, spornt uns zusätzlich an. Allerdings stossen wir bei der Ausreise auf eine ganze Reihe von unerwarteten Hindernissen.

Metama, Sudan, 7621 km

Wir sind ein bisschen traurig, den Sudan und seine so freundlichen Menschen zu verlassen. An unserem vermeintlich letzten Abend in el-Quadaref verwöhnt uns eine Tea Lady noch einmal mit der landestypischen Gastfreundschaft. Auf ihrem besten Tablett serviert sie den mit Kardamon versehenen Kaffee liebevoll angerichtet in einer verzierten Mokkakanne. Dazu wird ein Gefäss mit qualmenden Weihrauch und eine Schale kandierte Ingwergebäck gereicht.

Als wir am nächsten Morgen um 7 Uhr aufbrechen, ist es schon sehr warm. Eine üble, löchrige Nebenstrasse bringt uns zum 170km entfernten Grenzort Metama. Hier im Südosten des Landes werden Hirse, Baumwolle und Erdnüsse im großen Stil angebaut. Doch jetzt liegt ein milchiger Schleier über den trockenen Feldern und die umherziehenden Kamel- und Rinderherden wirbeln grosse Staubwolken auf. 

Danke, KTM!
Ritual: Danke, liebe KTM, dass du 7000 km durchgehalten hast!

Nachdem wir uns über 3 Stunden durch Schlaglöcher gekämpft haben, erreichen wir völlig verdreckt einen Checkpost. Träge erhebt sich einer der im Schatten hockenden Gestalten in Flecktarn und verlangt unsere Papiere. Mit Elan präsentieren wir die gefragten Dokumente, gedanklich sind wir schon ganz beim ersehnten abendlichen Fassbier. Doch plötzlich wird uns klar, dass irgendetwas nicht stimmt. Über dem Checkpost liegt eine gespentige Stille.

Der Grenzsoldat wedelt müde mit der Hand und will uns nicht weiterlassen. Keiner der Anwesenden spricht Englisch, alle schütteln den Kopf. Offensichtlich gibt es irgendwelche Probleme. Jemand stellt uns zuvorkommend ein Bettgestell in den Schatten – ist das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen? Nachdem wir einige Stunden in der sengende Hitze ausgeharrt haben, ist zumindest deutlich geworden, dass es vor Ort irgendeinen Zwischenfall mit Waffen gegeben hat. Per Handy teilt uns ein rudimentär Englisch sprechender Beamter mit, dass die Grenze zu Äthiopien bis auf weiteres geschlossen ist. Aus der Traum vom kühlen Gerstengetränk!

Zähneknirschend machen wir uns auf den Rückweg innerlich auf Hitze, Staub und jedes einzelne Schlagloch fluchend. Als wir am späten Nachmittag wieder am Ausgangspunkt ankommen, sind wir fix und fertig.  Wenigstens haben wir in Al-Gardaref ein recht gutes Hotel gefunden, denn Markus, der den ganzen Tag schon starken Husten hatte, bekommt am Abend auch noch leichtes Fieber. Die nächsten zwei Tage hütet er das Bett, während ich versuche, über diverse Internetkanäle heraus zu finden, wann es weiter gehen kann.

Ein paar Tage später ist der Spuk an der Grenze vorbei und beim 3. Spurt über die Asphaltfragmente legen wir eine Bestzeit hin. Am bereits leidlich bekannten Checkpost wimmelt es heute vor Strassenverkäufern, jede Menge Menschen laufen geschäftig hin und her, Geldwechsler umschwirren uns. Die Büros für Zoll und Immigration sind mitten in einem belebten Örtchen verstreut. Die Formalitäten auf sudanesischer Seite sind flott erledigt, obwohl unser Gepäck intensiv untersucht wird. Auf äthiopischer Seite wird mir als allererstes ein Infrarot-Fieberthermometer an den Kopf gehalten: Ebola-Kontrolle! Flugs den Einreise-Stempel in die Pässe gedrückt und gleich weiter zum Zollbüro sprinten!

Vor meinem geistigen Auge sehe ich uns schon entspannt im Biergarten der Dashen Brauerei sitzen, doch dieses Traumbild löst sich schlagartig in einzelne Pixel auf wie bei einem abstürzenden Computer. Vor einem PC älteren Baujahres sitzen mehrere Sudanesen mit langen Gesichtern, während ein äthiopischer Beamte mit Einfinger-Suchsystem versucht, deren Daten einzutippen. Schnell stellt sich heraus, dass die Geschäftsleute schon seit gestern morgen hier ausharren, da es wegen eines Softwareproblems nicht möglich ist, ihre Fahrzeugdaten auf dem notwendigen Zoll-Formular auszudrucken. Ist das eventuell nur ein Drohszenerio, um eine „Beschleunigungsgebühr“ einzufordern? Ich versuche, eine unbeteiligte Mine aufzusetzen, obwohl mir in dem stickigen Büro der Schweiss aus allen Poren strömt. Pünktlich um 12 heisst es dann: Mittagspause! Wir dürfen draußen weiter schmoren.

Markt Omdurman
Tschüss liebe Sudanesen: typischer Marktstand

Dort ist eine Menge los. Ein stetiger Strom von Fussgängern zieht vorbei: Frauen und Männer in bunten Gewändern, modern gekleidete Teenager,  Damen mit und ohne Kopftuch. Von äthiopischer Seite kehren auffallend viele Gestalten mit glasigen Augen und unsicheren Schrittes zurück. Direkt hinterm Schlagbaum lockt eine lange Reihe einfacher Bars, aus denen ausschweifendes Gelächter und fröhliche Musik schallt. Der ortsbekannte, in eine Fantasie-Uniform gekleidete „Crazy Man“ macht uns seine Aufwartung und hält eine enthusiastische Rede in einem unverständlichen Kauderwelsch aus verschiedensten Sprachen.

Schließlich taucht der äthiopische  Beamte wie versprochen wieder auf und nutzt die Gunst der seit Stunden andauernden Pause für uns: in Abwesenheit seiner Kollegen ist endlich die Internetverbindung frei zur Bearbeitung unserer Zolldeklaration. Anschließend durchsucht er noch in ähnlich akribischer Weise unser Gepäck zum 2. Mal an diesem Tag. Nach einer gefühlten Ewigkeit hebt sich dann endlich der Schlagbaum und vor uns liegt Äthiopien,  das „Dach Afrikas“.

 

 

 

5 Kommentare bei „Ausreise mit Hindernissen“

  1. jetzt aber schnell ein kühles bier!

  2. Beate Hartmann-Ilg sagt: Antworten

    Schicke euch gerne zur Abkühlung ein paar Regenwolken, von denen wir seit Tagen reichlich haben…. und eine „Bierwolke“ dazu. LG BHI

  3. Schön von Euch zu Lesen, auch wenn die Weiterreise wohl gerade etwas problematisch war. Das Siegerbier für den Grenzübertritt habt ihr euch auf jeden Fall verdient, kommt gut weiter voran.
    Danke im Übrigen für die super Berichte, stell ich mir auf so einer Tour nicht so einfach vor.

  4. Und herzlichen Glückwunsch nachträglich Jutta.

  5. Ich liebe diesen Blog :-*
    und gebt mir mal die admin daten damit ich endlich die obligatorischen infos wie email beim kommentieren optional schalten kann…

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