Berg- und Talfahrt

Für Äthiopien hat jemand im IOverlander scherzhaft die Koordinaten eines „Private place to pee“ („Ruhiges Örtchen zum Pippi-Machen“) geteilt. Trotzdem starten wir optimistisch in das bevölkerungsreichste Binnenland der Welt. Ein Viertel des Landes liegt auf über 2000m und wir freuen uns auf spektakuläre Landschaften im Hochland. Doch die nächsten Wochen werden zu einer emotionalen Berg- und Talfahrt. Irgendwie ist in diesem Land der Wurm drin, dabei fing alles eigentlich ganz vielversprechend an.

Gondar,  Äthiopien, 8283 km

Eine schnurgerade Straße, die von Menschen überquillt, windschiefe Hütten, einige Betonbauten – es dämmert schon, als wir die einzige Herberge weit und breit erreichen. Das düstere Ensemble aus Bierspelunke und schmuddeligen Schlafkammern vermittelt eher den Eindruck eines abgewirtschafteten, üblen Bordells. Vielleicht steht die Betreiberin deshalb auch fassungslos mit offenem Mund vor uns, als wir ihr versuchen klarzumachen, dass wir ein Bett brauchen.

Wir sind durchnässt, hungrig und furchtbar müde. Von der sudanesischen Grenze sind wir hinauf in die Berge gefahren. Wir haben ärmliche Dörfern passiert, deren Hütten aus dünnen Baumstämmen zusammen geschustert sind, die klaffenden Zwischenräume nur notdürftig oder gar nicht mit Lehm verputzt.  Wir haben Ausblicke auf Tafelberge und Felsklippen genossen, auch wenn die Landschaft kahl und staubig war. Von den ehemals 35 Prozent Waldfläche Äthiopiens sind nur noch 4 Prozent übrig. 

Und jetzt erhoffen wir von der Hausherrin eine schützendes Nachtlager in einer von obskuren Milizionären infiltrierten Region, doch noch immer kommt keine Reaktion. Aber schnell naht Rettung: zwei englischsprechende Äthiopier bringen Bewegung in die staunen Menge um uns herum. Bald haben wir eine Zimmerchen bezogen, teilen unser erstes Injera und ein gekühltes Bier mit unseren freundlichen und äusserst interessierten neuen Bekannten. 

Historische Schausteller in traditioneller Kleidung im Gemp

Am nächsten Tag erreichen wir die alte Königsstadt Gondar, die auf einer Höhe um 2300 m liegt. Der ausufernde 300.000 Einwohner- Ort bietet abgesehen vom historischen Kaiserpalast Gemp kaum Sehenswertes und vor allem wenig Ruheorte.

Wir sind erschöpft und gesundheitlich etwas angeschlagen. Es wimmelt überall vor Menschen. Im Marktviertel, wo magere Mütterchen ihre spärliche Ernte auf nackter Erde feil bieten, geraten wir in Fussgängerstaus. Ein simpler Gang durch den Ort zehrt an den ohnehin dezimierten Kräften: ständig müssen wir aggressive Bettelei abwehren, aufdringliche Stadtführer und Touranbieter loswerden, ungehobelten Betrunkenen ausweichen.

Die Weihnachtsfeiertage verbringen wir am grössten See Äthiopiens, dem Tanasee. Hier paddeln die Fischer mit Papyrusbooten herum und es gibt Raubvögel, Schwarzstörche, Reiher, Kraniche und viele andere Vögel zu beobachten. Doch die Idylle scheint zu trügen. Wir werden eindringlich gewarnt, keine längeren Spaziergänge allein zu unternehmen. Eine Touristin habe nach einem Überfall zwei Monate im Krankenhaus zubringen müssen. Auf unser bisherigen Route haben wir uns immer sicher gefühlt. Hier scheint es sogar auf dem Land gefährlich zu sein. 

Wenige Tage später flitzen die KTMs unter strahlend blauem Himmel wieder um Kurven. Der Geruch von Eukalyptus liegt in der Luft. Doch die anfängliche Hochstimmung ist schnell verflogen. Athiopiens Armut springt uns an, im wahrsten Sinne des Wortes. Bei jedem Stopp dauert es nur Sekunden bis zahllose bettelnde Kinder an uns zerren. Laut und eindringlich fordern sie die unterschiedlichsten Güter „Gimme Schoes, gimme Shirt, Ball, Food, Sweet…“ von uns. Hier im Norden entlang der touristischen Hauptroute lassen sich sicher viele Besucher von erwartungsvollen Kinderaugen erweichen.

Wir wollen aber keine Almosen verteilen,  wie es anscheinend zu Zeiten des letzten äthiopischen Kaisers, üblich war. Haille Selassies eigenwillige Sozialpolitik bestand wohl darin, aus dem Auto heraus eigenhändig Geld an Kinder, Frauen und alte Männer zu verteilen und sich von den Bittstellern bejubeln zu lassen. Bei allem Verständnis für die hiesigen schwierigen Lebensumstände sind wir irgendwann nur noch genervt und vermeiden die dringend notwendigen Fahrpausen.

auf dem Dach Afrikas
Mit Waffe auf dem Dach Afrikas

Den Simien Nationalpark erforschen wir per Zweirad. Wir laden den obligatorischen, bewaffneten „Scout“ auf Markus Moped und dann geht es in endlosen Serpentinen auf einer staubigen Piste ins Hochland. An den Strassenrändern können wir Dschelada Paviane beobachten. 

Wir durchfahren weite Hochplateaus, wo die Bauern mit Ochsen Stroh dreschen. Steil abfallende Schluchten geben dramatische Panoramen auf eine intensiv landwirtschaftlich genutze Landschaft frei. Äthiopiens Bevölkerung von derzeit gut 100 Millionen Menschen wächst rasend. Auch mitten im Nationalpark wird noch bis kurz vor dem auf 3700 m liegenden Chennek Camp jeder noch so steile Hang genutzt für die Subsistenzwirschaft.

Mit Blick auf fast senkrechte Klippen übernachten wir, zusammen mit ca. 100 anderen Touristen, die im Laufe des Nachmittages mit Minibussen, Mulis oder zu Fuss von ihren Tourguides herangekarrt werden. Während wir unser Zelt aufbauen, stellt sich heraus, dass unser nur dünn bekleideter Bewacher nebenan in einem Busch nächtigen will. Ich bemühe mich, ihm im Vorzelt eine halbwegs menschenwürdiges Lager zu bereiten. Doch unser Beschützer nimmt seinen Wachjob so ernst, dass er lieber bei eisigen Nachttemperaturen mit einer dünnen Decke um die Schultern im Gehölz kauert. 

Wenig Individualverkehr, doch die Landstrassen sind voll

Am nächsten Morgen geht es noch einmal hoch hinauf in eine ungewöhnliche Hochgebirgs-Fauna. Sogar unser Scout wird ganz euphorisch angesichts des fast 4550 m hohen Ras Dashen, dem höchster Berg Äthiopiens und vierthöchstem Gipfel Afrikas. Doch in den luftigen Passhöhen ahnen wir noch nicht, dass dieser Ausflug der Anfang einer lagen Pechsträhne sein wird.

3 Kommentare bei „Berg- und Talfahrt“

  1. aha, endlich mal ein ordentlicher cliffhanger…

  2. Aber wirklich. Hoffe Fortsetzung folgt bald.

  3. oha – jetzt bin ich aber auch gespannt…

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